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Heilige Objekte können ihre Aura nur in ihren Herkunftsländern entfalten. In Deutschland sind sie deplatziert. Das Humboldt-Forum sollte die Zukunft Ethnologischer Museen neu denken. Eine Stellungnahme aus Kamerun.

von Albert Gouaffo

Das Riesenprojekt Humboldt­Forum scheint aus meiner Sicht ein bloßer Museumsumzug zu sein. Die primäre Funktion von Ethnologischen beziehungsweise Völkerkundemuseen seit ihrer Entstehung Ende des 18. Jahrhunderts ist es, die Neugierde für das Fremde durch die Ausstellung von Objekten zu wecken. Doch das Projekt Humboldt­Forum sollte zu konsequentem Umdenken und Selbstkritik zwingen; es sollte die Gelegenheit wahrgenommen werden, über die bisherige Funktion hinaus, über das Wesen und die Zukunft von Ethnologischen Museen im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen zu diskutieren.

Außereuropäische neben europäischen Objekten zeigen

Das Humboldt­Forum würde dann als Forum der Dekolonialisierung des Westens fungieren, als Ort der Auseinandersetzung Deutschlands respektive Europas mit der außereuropäischen Welt, und Berlin zum Ausgangspunkt einer neuen Ära nach der Afrikakonferenz von 1884. Das Humboldt­Forum würde dann auch nicht per se als Ausstellungsfläche für Exponate aus Übersee verstanden werden, sondern als Ort einer neuen Wissenskonstruktion, wo die materielle, aber auch die intellektuelle Kultur aus Übersee und aus Deutschland versuchen, den schwierigen Dialog auf Augenhöhe zu führen.

Was zu zeigen ist – und was nicht
Es sollte zunächst systematisch Provenienzforschung betrieben werden. Das heißt, die Herkunft der gesammelten Objekte sollte ebenso wie die Geschichte des Besitzwechsels dieser Objekte sowie ihre verschiedenen Aufenthalte in Privatsammlungen erfasst werden. Erst dann könnten gestohlene, unter Zwang erworbene Gegenstände von Dekorations­ und Gebrauchsobjekten getrennt werden. Heilige Objekte, sogenannte Fetische der „Naturreligionen“ oder Kultobjekte, gehören nicht in die Museen. Als mythische wie mystische Gegenstände müssen sie zu ihren jeweiligen mystischen Räumen zurückgebracht werden, denn nur dort genießen sie ihre volle Sakralität. In Deutschen Museen sind sie deplatziert im wortwörtlichen Sinne des Wortes und leben in einem artifiziellen Koma.

Das Gleiche gilt für Gebeine, die als Trophäen der Unterlegenheit besiegter Völker nach Deutschland kamen oder als Belege der Rassenklassifizierung beziehungsweise als Indizien für Pathologie à la Prof. Dr. Rudolf Virchow. Diese menschlichen Überreste müssen aus der Verbannung zurück in die Herkunftsländer gebracht werden, damit sie eine ihnen angemessene Ruhestätte finden. Da gilt es, keinen Kompromiss einzugehen, denn es handelt sich hier aus heutiger Sicht um eine grobe Menschenrechtsverletzung.

Bedingungslose Rückgabe
Bei sensiblen Objekten wie menschlichen Gebeinen sollte Deutschland die Trauerfeier des Zurückgeführten mitfinanzieren. Es geht nicht um Reparationsforderungen, sondern um Erinnern und Versöhnen, um Vergangenheitsbewältigung.

Was zu tun ist
Einige deutsche Museen wie das Bremer Übersee­Museum forschen schon zur Provenienz ihrer Afrika­Objekte. Das Projekt wird von der Volkswagenstiftung finanziert. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verfolgt das gleiche Ziel im Hinblick auf Menschenreste aus Deutsch­Ostafrika. Wichtig bei einer solchen Forschung ist, einem gemeinsamen ethischen Code zu folgen, das heißt, dafür zu sorgen, dass Deutsche und Herkunftsangehörige transdisziplinär arbeiten und eine Instrumentalisierung der Wissenschaft ausgeschlossen werden kann. Deutsche respektive europäische Museen möchten gerne „ihre“ Objekte behalten, aber Kulturgut gehört der Menschheit, wenn überhaupt.

Museen für Weltkultur
Die Menschheit ist eine Entität und gehört zur Welt. Wenn sich ethnologische Museen nur auf außereuropäische Objekte konzentrieren, reproduzieren sie den berechtigten Vorwurf, dass sie Dispositive, Folien oder Projektionsflächen für postkoloniale Diskriminierung und Überlegenheitskomplexe Europas bilden. Europa als Volksgemeinschaft und Kultur muss heute auch zu diesen Museen gehören, die als Museen für Weltkultur und ­geschichte umfunktionalisiert werden sollten.

 

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