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Gemeinsam mit den Herkunftsgesellschaften erforschen zurzeit mehrere ethnologische Museen in Deutschland ihre kolonialzeitlichen Sammlungen. Im Interview mit „Latitude“ erzählt Germanist Albert Gouaffo aus Kamerun über seine Mitarbeit am Provenienzforschungsprojekt im Museum Fünf Kontinente in München und die Herausforderungen des Umgangs mit umstrittenen Sammlungen. 
 

Worum geht es beim Provenienzforschungsprojekt des Museums Fünf Kontinente?

Im Mittelpunkt des Projekts stehen der „Blaue‑Reiter‑Pfosten“ und die Sammlung Max von Stettens aus den Jahren 1893 bis 1896. Max von Stetten war Kommandeur der Schutztruppe des Deutschen Kaiserreiches. Ziel des Projekts ist es, möglichst detaillierte Erforschung des Erwerbs der Sammlung, die aus der früheren Phase der Inbesitznahme Kameruns durch das Deutsche Kaiserreich stammt und sich seit den 1890er‑Jahren im Museum Fünf Kontinente befindet. Im Vordergrund steht die Frage nach den Erwerbsbedingungen und den Erwerbsorten der mehr als 200 Objekte umfassenden Sammlung. Exemplarisch wird zudem an der Person Max von Stettens und der von ihm zusammengetragenen Sammlung die geteilte Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun erarbeitet. Am Ende des Projekts sollen Möglichkeiten der Restitution und Zirkulation von entwendeten Objekten mit den Angehörigen der Herkunftsregion auf Augenhöhe diskutiert werden.

Sie befürworten eine transregionale Provenienzforschung. Was versteht man darunter und wie unterscheidet sich dieser Ansatz von den herkömmlichen Ansätzen?

In Deutschland arbeitet jedes Museum an der Provenienz seiner eigenen Sammlung. Die Sammlungsgeschichte zeigt aber, dass die Nachfrage an Ethnologica Ende des 19. Jahrhunderts so groß war, dass Sammler manche Objekte, die zusammengehörten, trennten, um der großen Nachfrage nachzukommen. So passierte beispielsweise, dass Masken von Kostümen getrennt wurden und in verschiedenen Museen landeten. Die herkömmliche Provenienzforschung geht von Deutschland aus und versucht, die Erwerbs- und Besitzverhältnisse zu klären. Die Restitutionsfrage steht nicht unbedingt im Mittelpunkt und die Forschungsergebnisse sind nicht immer auf andere Kontexte übertragbar. Eine transregionale, umgekehrte Provenienzforschung geht nicht vom Rezeptionskontext allein aus, sondern sie privilegiert den Produktionskontext und fragt nach den Wegen der Translokation von Objekten und Kulturgütern zwischen „Kolonie und Heimat“.

Ethnologische Museen im globalen Norden gehen mit umstrittenen Sammlungen unterschiedlich um: Provenienzforschung als Voraussetzung für die Rückgabe, Kooperationen mit Museen im globalen Süden in Sachen Ausbildung für Museumsfachleute, Ko‑Kuration oder auch Zirkulation. Was halten Sie von diesen Ansätzen?

Ich finde die Initiativen begrüßenswert, aber das Tempo ist mir zu langsam und die finanziellen Mittel für Forschungszwecke sind aufgrund der verspäteten Bewusstseinsbildung bei Weitem nicht ausreichend. Solange wir keine systematische Datenbank über die Kulturgüter haben, die aus den Kolonien nach Deutschland kamen, können wir keine vernünftigen Debatten über Restitution, Zirkulation und Kooperationen oder Sonstiges führen. Eine Grundlagenforschung, von den ehemaligen Kolonien ausgehend, ist unabdingbar.

Kooperationen mit Museen aus dem globalen Süden sind notwendig, aber gemeinsame Provenienzforschung sollte im Moment höchste Priorität haben. Die Forschung über menschliche Überreste, Kultobjekte und Herrschaftsinsignien müsste zuallererst geklärt werden.

Was halten Sie von dem Sarr‑Savoy‑Bericht und dessen Umsetzbarkeit?

Die Empfehlung von Bénédicte Savoy und Felwine Saar ist aufgrund des Grads des Verlustes (90 Prozent der Kulturgüter aus Afrika) nachvollziehbar, aber sie scheint etwas pauschal zu sein und nimmt nicht genügend Rücksicht auf die Kolonialgeschichte als geteilte Geschichte. Auch wenn alles geklaut wurde, heißt es Afrika einen Bärendienst zu erweisen, wenn aus Europa – von heute auf morgen – afrikanische Kulturgüter als Gegenstände der interkulturellen Erinnerung plötzlich verschwinden würden. Es gab in Afrika Phänomene der Resilienz, das heißt, manche für die Gemeinschaft wichtige Kulturgüter wurden ersetzt, aber nicht alle. Wie wäre es, wenn der legitime Besitzer den „Dieben“ sein Eigentum als Strafe überlässt? Jenseits des Gerichts ist der eigentliche Richter das eigene Bewusstsein. Bei einer Doppelsieg‑Strategie könnten die Kulturgüter auch in Deutschland bleiben und Modalitäten über die Tantiemen verhandelt werden.

Wenden wir uns dem breiteren Thema der Dekolonisierung zu – nicht nur in ethnologischen Museen, sondern auch im Bereich der Wissensproduktion und des Wissenszugangs: Wo sehen Sie eine dringende Notwendigkeit eines Mentalitätswandels?

Der globale Norden hat vom 14. bis zum 20. Jahrhundert dem globalen Süden diktiert, wo es langgeht. Im 21. Jahrhundert ist der Westen aufgrund der zunehmenden Mobilität und des multilateralen Wissenstransfers nun zu einem Punkt gelangt, wo er nichts Einzigartiges anzubieten hat. Die Menschheit braucht alternative Wege der Universalität. Die Zeit der Weltgesellschaft ist angebrochen. Nationen und Regionen sollten gleichberechtigt zueinander in Beziehung stehen. Der globale Süden sollte auch aufhören zu jammern und seine Ressourcen für das Gemeinwohl der eigenen Bevölkerung nutzen. Die Voraussetzung ist, dass der globale Süden aus der zum Teil selbstverschuldeten Unmündigkeit herauswächst und sich selbst dekolonisiert.

Das Interview führte Eliphas Nyamogo, Online‑Redakteur am Goethe‑Institut in München.

Autor

Das Interview führte Eliphas Nyamogo, Online Redakteur am Goethe Institut in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2020

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